Bunte Lichter werfen bizarre Muster auf Linnas Gesicht, verärgert kneift sie die Augen zusammen. Das Licht blendet und ist heiß und sie fühlt sich nicht wohl, wenn die Scheinwerfer auf sie gerichtet sind, sie war noch nie gern im Mittelpunkt und erst recht nicht auf einer dieser Partys. Sie blickt sich um, verschwitzte Gesichter, aufgelöste Frisuren, glasige Augen wirbeln um sie herum, es muss schon spät sein, denn der Fußboden ist klebrig und drei junge Mädchen sitzen nebeneinander auf den Treppenstufen am Eingang und starren ins Leere. Die Mittlere hat sich eindeutig bereits übergeben, die Flecken auf ihrem T-Shirt sprechen Bände. Schnell wendet Linna den Blick ab, lässt ihn durch den Raum schweifen, Gesichter abscannen. Katrin steht an der Bar, hält sich sehr aufrecht, bindet ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz und lauscht aufmerksam einem jungen Mann mit Dreitagebart, es ist fast unmöglich einzuschätzen, ob seine Monologe Katrin wirklich interessieren oder ob er einfach nur gut aussieht. Linna versucht, Blickkontakt herzustellen, doch Katrin betrachtet stur ihren Gesprächspartner.
Mitten auf der Tanzfläche, kaum vier Schritte entfernt von Linna, steht Marco, die Arme weit ausgebreitet, den Kopf in den Nacken gelegt, in seinem alten Armeemantel, sein Mund formt Worte, wahrscheinlich singt er mit. „I'm so very sick of you“, dröhnt Morrisseys Stimme aus den Lautsprechern, Marco dreht sich um die eigene Achse, erblickt Linna, kommt mit immer noch ausgebreiteten Armen auf sie zu, packt und drückt sie fest an sich und dreht sich mit ihr zusammen im Kreis. Linna muss lachen, legt ihre Stirn an seine Schulter, er riecht gut, nach Zigaretten und Aftershave und nach der Gewohnheit, einmal im Monat auf diese Party zu gehen, die einzige Party der Stadt, bei der Morrissey singen und Marco seine Hände in die Luft werfen darf. Der Club ist klein und stickig und eher rustikal als modern, man darf rauchen und der Wodka ist billig, den Heimweg finden sie im Schlaf und Türsteher und Thekenpersonal kennen sie mit Namen. Besser und schöner könnte es kaum irgendwo sein.
Katrin und Linna kennen sich seit der Grundschule, aufgewachsen in einem Dorf mit knapp 1000 Einwohnern, zwischen Pferden, Mädchenzeitschriften und Träumen von der Großstadt. Seit drei Jahren leben sie zusammen in einer kleinen Wohnung mit schiefen Wänden und tropfenden Wasserhähnen. Irgendwann trafen sie Marco, den einsamen Tänzer, der die Großstadt nicht Großstadt nennen möchte und immer von noch Größerem träumt, in seinem olivgrünen Armeemantel, den er selbst im Hochsommer nur ungern auszieht. Marco und Linna waren ein Paar, zwei Monate lang; sie liebte die Geschichten, die er erzählen konnte, er liebte ihre ernsten Augen, am Ende wurde er zu laut und zu obszön und sie zu still und verschüchtert, doch Freunde blieben sie, werden sie bleiben. Linna weiß nicht, dass Marco mit Katrin geschlafen hat, ein paar Mal, ohne große Emotionen, mehr routiniert und sachlich. Marco käme nie auf die Idee, es irgendjemandem zu erzählen und Katrin weiß, dass es Linnas Herz bräche, ohne einen genauen Grund nennen zu können.
Morrissey wird von Liam Gallagher abgelöst, Marco hält Linna immer noch fest, singt leise in ihr Ohr. Ein kalter Schauer läuft über ihren Rücken, hastig macht sie sich los, signalisiert, dass sie sich etwas zu trinken holen möchte, bahnt sich den Weg durch singende, tanzende Menschen zur Bar. Sie bestellt Wasser und Wodka, Katrin legt ihre kühle Hand auf ihre Schulter, bestellt das gleiche und poliert ihre Brillengläser mit einem Zipfel ihres Tops.
„Komischer Typ, da vorhin, hat die ganze Zeit von seinem Job erzählt und erzählt, um Himmels willen“, Katrin setzt die Brille wieder auf, lacht, leert ihr Wodkaglas und knallt es auf die Theke. Linna lacht, schüttelt den Kopf. „Immer das Gleiche!“, ruft sie gegen die Musik.
„Und, schon was gesehen?“, fragt Katrin. Linna verzieht ihr Gesicht, ihr ist das nicht so wichtig, heute, meistens, Männer auf Partys kennenlernen, oberflächliche Gespräche und fremde Haut und das leere Gefühl am Morgen danach. Diese Abende gehören Katrin und ihr und Marco und es ist merkwürdig, wenn ein Fremder dazustößt, der sich nicht für alle drei, sondern nur für einen von ihnen interessiert, der nicht versteht, warum diese drei zusammen sind. Katrin macht sich nicht so viele Gedanken, sie lernt gern Männer kennen, sagt, sie brauche das für ihr Selbstbewusstsein und das mache Spaß und wenn nicht jetzt Erfahrungen sammeln, wann dann, Linna soll es auch mal ausprobieren und es ein bisschen krachen lassen. Und Marco? Marco scheint über allem zu schweben, fremde Menschen interessieren ihn nicht sonderlich, genau das lässt ihn ziemlich attraktiv wirken und Linna verdrängt nicht zum ersten Mal den Gedanken, dass Marco seit dem Ende ihrer Beziehung bestimmt zehn, zwanzig Mädchen mit nach Hause genommen hat und sie keinen einzigen. Das sind Gedanken, die Freundschaften vergiften, und wie schrecklich unwichtig ist belangloser Sex im Vergleich zu einer Freundschaft, zu dieser Freundschaft.
Linna spürt Katrins prüfenden Blick, schüttelt den Kopf, schüttelt die Gedanken ab und bestellt noch zwei Vodka, schiebt Katrin ein Glas hin, synchron legen beide den Kopf in den Nacken, das kurze Brennen am weichen Gaumen, in der Kehle, das warme Gefühl im Bauch. „Lass uns mal wieder zu Marco gehen“, Katrin nickt, Linna greift nach ihrer Hand und sie drängen sich an einer Mädchenclique vorbei auf die Tanzfläche.
Marco, Linna und Katrin wären sich wohl nie besonders nah gekommen, wäre da nicht die Musik gewesen, die sie alle vier Wochen auf diese Party treibt. Wäre da nicht Morrissey. In dieser Stadt gibt es zu viele Parties; ausufernde, exaltierte Techno-Events und große, dröhnende Hallen mit vielen hübschen jungen Mädchen und jungen Männern mit riesigen Turnschuhen und sauber ausrasierten Frisuren, aber hier läuft die Musik ihres Herzens und vor allem Marco ist der Meinung, der Musikgeschmack sage mehr über einen Menschen aus als Alter, Herkunft und jegliche Freizeitgestaltung. Marco ist gern dogmatisch und verachtet Menschen, die einfach nur Radio hören und Krankenhausserien mit bedeutungsschwangeren Dialogen im Fernsehen angucken. Wir sind die letzten Königskinder, sagt er oft und Linna hört es gern, niemand kann sich zwischen sie stellen, weil sie sonst niemanden haben, auch wenn sie insgeheim wissen, dass es nicht wahr ist, dass alles einmal vorbeigehen wird, auch ihre Zeit als Königskinder. Heute Abend zumindest noch nicht, heute werden sie trinken und tanzen und singen und bei Morgengrauen verstört an die frische Luft torkeln, in Marcos kleiner, vollgestopfter Hinterhofwohnung auf dem Sofa, dem Boden oder im Bett einschlafen und auf den Alltag warten, der sie am Montagmorgen unweigerlich wieder einholen wird.
Der Gedanke an den kommenden Montag ist weit weg, als sie zu dritt mitten auf der Tanzfläche stehen, mal wild tanzend und laut singend, mal halten sie sich an den Händen und sehen sich feierlich an, mal knufft Katrin Linna in die Seite, um sie auf einen hübschen jungen Mann aufmerksam zu machen. Vergeht die Zeit langsamer oder schneller in diesen Stunden? Sie scheint einfach keine Rolle zu spielen, ein Blick auf die Uhr und es ist Zwei, zwanzig Minuten später ist es Fünf und beim nächsten Blick wieder zwanzig vor Drei. Linna versucht, die Lieder mitzuzählen, bei drei gibt sie auf. Die Zeit vergeht und vergeht auch nicht, sicher wird es erst wieder, wenn der DJ die Musik ausschaltet und Carla hinter der Theke einen letzten Vodka spendiert.
Wieder Morrissey, „zum dritten Mal heute Abend!“, ruft Marco begeistert, Linna und Katrin geben sich High Five und fühlen sich albern dabei, lachen laut, Linnas Blick bleibt etwas zu lang an einem Gesicht hängen. Männlich, große blaue Augen, markante Nase. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit weißem Muster, sie versucht, dieses Muster zu entschlüsseln, als sie merkt, dass er auf sie zusteuert. Schnell wendet sie den Blick ab, versucht sich näher zwischen Marco und Katrin zu manövrieren, doch es ist zu spät. Er steht vor ihr, lächelt und hält ihr sein Longdrinkglas unter die Nase, pflichtschuldig zieht sie am Strohhalm, Whisky mit Cola, sie nickt und lächelt kurz zurück. Sie versucht den Blick abzuwenden, doch er fängt ihn immer wieder ein mit seinen fast ein bisschen zu großen Augen, lächelt, nähert sich mit seinem Mund ihrem Ohr. „Hallo!“, ruft er, tanzt direkt vor ihr. Linna späht über seine Schulter nach Katrin und Marco, die die Annäherung bemerkt haben und sich verschwörerisch grinsend entfernen. Kurzentschlossen streckt sie ihm ihre Hand entgegen, „ich bin Linna“, seine Augen blitzen kurz auf, er ergreift ihre Hand, „Lukas, sehr erfreut“. Er tanzt weiter vor ihr, sie versucht sich seinem Rhythmus anzupassen, es klappt nur bedingt, es ist anders als mit Katrin und Marco. Seine Blicke tasten immer noch ihr Gesicht ab, zucken in ihren Ausschnitt, wieder zurück auf ihr Gesicht. „Bist du oft hier?“, etwas Besseres fällt ihr nicht ein. „Nein, ich bin gerade erst hierher gezogen, aber ich denke, ich sollte öfter mal vorbeischauen.“ Er arbeitet in der Finanzbranche, ist ein Jahr jünger als sie, die Stadt gefällt ihm gut. „Ich muss mal wieder zu meinen Leuten, bis später“, er lächelt noch einmal, dann ist er verschwunden. Linna atmet auf, für peinlichen Smalltalk hat sie sich ganz gut geschlagen, sie ist mit Katrin gleichgezogen und kann zumindest heute den Fragen entgehen, warum sie nie auf Partys flirtet. Schon begegnet sie Katrins fragenden Blicken, sie formt mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Kreis, das kann jetzt alles heißen, kulturell bedingt, denkt sie verwirrt, von „Arschloch“ bis „alles super“. Katrin scheint es als „alles super“ zu deuten, tanzt auf Linna zu, legt einen Arm um ihre Schulter. „Na, der sah doch mal nett aus, wo ist er denn hin?“ „Zu seinen Freunden. Keine Ahnung. Lukas heißt er.“ „Lukas und Linna, ach, nett!“ Katrin drückt einen übermütigen Kuss auf Linnas Wange, Linnas Herzschlag beruhigt sich. Für Katrin ist immer alles so einfach, ihr Herzklopfen fängt da an, wo Linna kurz vor dem Kollaps steht, oder sie lässt sich einfach nichts anmerken. Marco tänzelt mit drei Flaschen Strongbows in den Händen heran, sie stoßen an, Linnas Blick flackert immer wieder durch den langsam leerer werdenden Club, ob nervös oder hoffnungsvoll, vermag sie selbst nicht zu sagen, kann aber Lukas und sein unergründlich gemustertes T-Shirt nicht entdecken.
Linna geht oft weg, gern weg, Privatpartys und Clubs und Kneipenabende mit Katrin und Marco. Sie trinkt viel, schämt sich am Tag darauf und denkt an die Freundinnen, die nicht aus dem Dorf weggezogen sind, viele sind bereits verheiratet und haben Kinder und kein Verständnis für so ein Leben, für verrauchte Kneipen und den vernachlässigten Alltag, der Kontakt ist größtenteils abgebrochen. Linnas Eltern fragen hin und wieder besorgt nach, ob ihre Tochter Drogen nehme, sie rufen gern sonntagmorgens gegen neun Uhr an und wundern sich, wenn sie Linna damit aufwecken; sie hat es aufgegeben sich darüber aufzuregen. Was Linnas Partyleben von dem der Anderen unterscheidet ist ihre Schüchternheit. Sie lernt ungern fremde Menschen kennen, Marco kann das nie verstehen. Linna sei so nett und liebenswürdig, sagt er oft, er könne sich niemanden vorstellen, der sie nicht leiden kann, ein Wunder, dass sie jedes Mal allein nach Hause gehe. Sie weiß nicht genau, ob er es ernst oder ironisch meint, kommentiert seine Ausführungen nicht und geht weiterhin allein nach Hause, allein oder mit Katrin, die ihre Männerbekanntschaften nicht gern in die Wohnung bringt, weil ihr Zimmer genau neben Linnas liegt und die Wände hellhörig sind. In diesen Nächten, in denen Linna ganz allein die steilen Treppen hochklettert, schaltet sie ihre Stereoanlage an und hört Morrissey, lässt sich von ihm in den Schlaf singen, last night I dreamt that somebody loved me.
Wie aus dem Nichts steht Lukas wieder im Raum, Linna zuckt zusammen, er steuert direkt auf sie zu, legt seine Hände auf ihre Hüften, tanzt. Sie weiß nicht, wohin mit ihren Händen, ihren Blicken, versucht, sein T-Shirt zu betrachten, das Muster zu entschlüsseln. Eine Hand landet auf seinem Rücken, mit der anderen streicht sie sich ihre Haare aus der Stirn. Er kommt näher, ein bisschen zu nahe für ihren Geschmack, sie versucht zurückzuweichen, doch irgendwann kommt hinter ihr die Wand und es gibt kein Zurück mehr und ihr fällt nichts Anderes ein, als ihn tanzen zu lassen und panisch nach Katrin Ausschau zu halten, doch die freut sich nur und reckt ihren Daumen in die Luft.
„Alles klar bei dir?“, ruft Lukas ihr ins Ohr, seine Wange streift ihre, es fühlt sich gut an, warm, ein bisschen unrasiert. Linna nickt, lächelt und versucht sich zu entspannen. Vielleicht ist es albern, sich gegen so etwas zu sperren, wahrscheinlich gehört es einfach dazu und sie stellt sich an. Sein Gesicht kommt immer näher, erst ist sie verwirrt, weiß nicht, was das soll, bis sie versteht, dass er sie küssen will. Will sie? Soll er? Sie versucht, ihn zu ignorieren, The Stone Roses helfen ihr dabei mit ihren ersten Gitarrentönen. Ein Ruck geht durch ihren Körper, „oh, mein Lieblingslied!“, ruft sie ihm zu, am anderen Ende des Raums wird Marco jetzt wie ein Prediger ernsthaft jede Silbe mitsingen, your knuckles whiten on the wheel, die Augen geschlossen. „Eins der besten Lieder, die je geschrieben wurden“, ruft sie weiter, denkt gleichzeitig, was für einen Unsinn ich wieder rede. Lukas ist von ihrer Begeisterung kurz abgelenkt. Sie könnte den Moment nutzen, sich aus seinen Armen winden und sich bei Katrin und Marco verstecken, doch sie zögert und schon liegt seine Hand an ihrer Wange, sie schauen sich direkt in die Augen und dann küsst er sie, er schmeckt süßlich, es fühlt sich nicht schlecht an, es ist okay, warum eigentlich nicht. Jetzt ist das romantische Soll erst einmal wieder erfüllt, schießt es ihr durch den Kopf, sie erschrickt, solche Gedanken sollte man beim Küssen doch nicht haben, schnell schiebt sie den Gedanken beiseite und küsst ihn. Küssen zum Lieblingslied, das ist in Ordnung, das kann man mal machen, das ist eine schöne Geschichte, die man erzählen kann.
„Es tut mir so leid, ich muss nochmal schnell zu meinen Leuten“, sagt er plötzlich, küsst sie noch einmal, dreht sich um, verschwindet in der Menge. Linna kann kaum einen klaren Gedanken fassen, da ist Katrin bei ihr, „was war das denn jetzt?“ Linna zuckt hilflos mit den Schultern. „Komischer Typ“, befindet Katrin. Linna nickt, zögert kurz, geht zur Theke und bestellt zwei Vodka, trinkt die Gläser hintereinander aus. Carla, die Barkeeperin, lacht. „Schnell Mädel, wir machen bald Schluss!“, dann stellt sie Linna ein Glas Apfelwein hin, ist schon wieder beim nächsten Gast.
Zwei warme Hände legen sich auf Linnas Schultern, es ist Marco, er lehnt sich an den Thresen. „Kurz raus, rauchen?“ Linna nickt, nimmt einen Schluck Apfelwein, folgt Marco durch die schwere Stahltür, die Treppe hinauf, an die frische Luft. Erst jetzt spürt sie, wie betrunken sie eigentlich ist. Marco zündet eine Zigarette an, schiebt sie ihr zwischen die Lippen. „Sei froh, dass du den los bist“, sagt er, macht ein paar Tanzschritte auf der verlassenen Straße. „Um den geht es doch gar nicht“, murmelt Linna, betrunken und unsicher, was sie denken soll. Sie ist ein bisschen erleichtert, dass er weg ist, die Geschichte erledigt, ehe es kompliziert geworden wäre, aber schlimm ist es schon, hat ihr Kuss ihn vertrieben, so schlimm kann es doch nicht gewesen sein. „Herzchen“, sagt Marco, sie muss wirklich unglücklich aussehen, denn er umarmt sie lange, das ist sonst nicht seine Art, „mach dir keinen Kopf, du pennst bei mir und morgen lachen wir ihn einfach aus.“ Sie setzen sich nebeneinander auf die Bordsteinkante, Marco legt seinen Arm um sie, sie rauchen schweigend, Linna friert, aber es ist in Ordnung.
Männerbekanntschaften sind überbewertet und so ist es doch am besten, Katrin wird auch gleich die Treppe hochstolpern, irgendwo hinter dem Fernsehturm wird es bereits hell, die orangen Wagen der Straßenreinigung biegen um die Ecke und fegen mit großen rotierenden Bürsten Zigarettenkippen und Erinnerungen in die Kanalisation.
Findest du dein Leben manchmal unwirklich, würde Linna gern fragen, unfähig, das Schweigen zu brechen, das sind diese Fragen, die einem betrunken so schrecklich tiefgründig erscheinen, doch sie hinterlassen einen schalen Geschmack im Mund, man sollte nicht reden, man sollte tanzen und lachen und singen und nicht anfangen nachzudenken. Den Schwindel zulassen und genießen. Ein paar Stunden lang jemand Anderes sein, es ist viel schwerer, als es klingt.
Fünf, sechs junge Menschen kommen aus dem Club, sehen sich um, kichern und singen, Katrin ist nicht dabei. „Wollen wir los?“, fragt Marco, Linna zögert, dann schüttelt sie den Kopf. „Ich wäre lieber allein, sorry, ich fahre nach Hause. Aber danke.“ Sie streicht ihm unbeholfen durch die Haare, steht umständlich auf und hastet die Treppe hinunter, holt ihre Jacke, hält den Kopf gesenkt, kann aus den Augenwinkeln weder Katrin noch Lukas erkennen. Sie möchte nach Hause, nach Hause, in Fötusstellung unter der Bettdecke liegen und sich zu Morrissey in den Schlaf weinen. Why did you give me so much love in a loveless world when there's no-one I can turn to to unlock all this love? Vor dem Eingang zur U-Bahn-Station dreht sie sich noch einmal um, Marco sitzt immer noch auf der Bordsteinkante, ein regungsloser olivgrüner Fleck. Ich könnte zu ihm zurück, denkt sie, doch ehe sie den Gedanken zu Ende bringen kann, steht sie auch schon am Gleis, eine Bahn donnert heran, sie sucht sich einen Platz und lehnt die Stirn gegen die kühle Fensterscheibe.
„Hey.“
Linna zuckt nicht einmal zusammen, auch wenn sie es hasst, in der U-Bahn angesprochen zu werden, dreht nur langsam den Kopf, Lukas sitzt ihr gegenüber, plötzlich, lächelt breit, zeigt seine Zähne, viele Zähne, vielleicht ein bisschen zu viele Zähne, denkt sie verwirrt. Er trägt eine schwarze Kapuzenjacke, sieht bleich aus im Neonlicht, unwirklich. „Ich dachte schon, du wärst mit dem Typen weggegangen, da hab ich ja ein Riesenglück gehabt.“ Er legt eine Hand auf ihr Knie, im Bruchteil einer Sekunde rauscht eine Gänsehaut über ihren ganzen Körper. „Du warst plötzlich weg“, sagt sie, erschrocken über ihre raue Stimme, die kennt sie sonst nicht an sich. „Halt mich nicht für einen Arsch, bitte. Ich kenn die Leute noch nicht so lange, ich muss mich da noch ein bisschen anpassen.“
Linna nickt automatisch, wird plötzlich traurig, denkt an ihre ersten Monate in der Stadt, ohne Katrin wäre sie nicht so gut angekommen. Der abgestandene Geruch im Treppenhaus, zum ersten Mal in der U-Bahn angepöbelt werden, die fremden Gesichter auf der Straße, die Geräusche aus der Nachbarwohnung. Lukas nimmt seine Hand von ihrem Knie, der Fleck, auf dem sie gelegen hat, wird kalt. Unsicher sieht sie ihn an.
„Ich muss hier raus. Kommst du mit? Ich kann jetzt nicht einfach so aussteigen und dich wegfahren lassen.“
Sie kann sich in seinen Augen spiegeln, die U-Bahn hält, wortlos steht sie auf, nimmt seine Hand.
Ein rosaroter Streifen am Horizont, die ersten Vögel, ihre Schritte hallen viel zu laut auf dem Kopfsteinpflaster. Die schwere alte Holztür fällt krachend hinter ihnen ins Schloss, ein Katzenklo im Hausflur, es riecht nach Reinigungsmitteln, citrusfrisch. Seine Wohnung, hell und ordentlich, sie setzt sich auf seine Bettkante, „ich bin gleich zurück, hol uns was zu trinken.“ Sie fährt mit der Hand über die Bettdecke, blau, weich, hebt ein paar CDs vom Boden auf, die neben dem Kopfende liegen. Kein Morrissey. Wie gern hätte sie ihn jetzt bei sich, er könnte ihr sagen, wie sie sich verhalten soll. Bei Jarvis Cocker geht es um Sex, das ist zu eindeutig und zu beunruhigend, sie schiebt eine Massive Attack-CD in die Stereoanlage, das ist unverfänglich, das ist Musik, die jeder mag, das ist perfekt. Lukas kommt wieder, mit zwei Weingläsern in der Hand, sorgsam schließt er die Tür hinter sich. Er drückt ihr ein Glas in die Hand, sie stoßen an, sie trinkt einen Schluck, der Wein ist gut, frisch und fruchtig und er betäubt die aufkeimende Panik. „Warum ausgerechnet ich?“, fragt sie leise, sieht zu Boden. „Wer sonst?“, entgegnet er, seine Stimme klingt ebenso heiser wie ihre. Sie nimmt einen großen Schluck Wein, stellt ihr Glas auf den Teppichboden, sieht ihn an, beugt sich vor, schließt die Augen, küsst ihn. Er atmet tief, berührt ihre Taille, ihren Rücken, sie lässt sich nach hinten fallen, wie ferngesteuert, er atmet auf ihren Hals, küsst ihren Nacken, greift unter ihr Kleid. Sie hält die Augen geschlossen, so machen es die Anderen, warum nicht.
Manchmal weißt du nicht, wie allein du dich fühlen kannst, im Moment größtmöglicher Nähe, du bist nicht mehr Herr deiner selbst und Kopf und Körper agieren vollkommen unabhängig voneinander, deine Finger krallen sich in fremde Haut und suchen Halt und dein Kopf fällt und fällt; fremde Hände an Körperstellen, die du ganz vergessen hattest, die Augen so fest geschlossen, als wolltest du sie nie wieder öffnen. Irgendwo im Hintergrund hörst du Massive Attack, hörst du dich atmen, ihn atmen, wie aus einer anderen Welt. Es fühlt sich nicht schlecht an, es ist in Ordnung und in ein paar Stunden wirst du deiner besten Freundin davon erzählen und es herunterspielen, weil sie nicht weiß, wie du dich dabei fühlst, so winzig klein, im freien Fall in einem riesigen Raum und es riecht nach Aftershave und Waschmittel und ein bisschen nach Schweiß. Why do you come here? Und warum bist du nicht in deinem Zimmer, das dich einschließt und beschützt und bei der Stimme, die dich seit Jahren begleitet wie ein alter Freund, die dir nahe kommt wie niemand. Und dann ist es vorbei und er liegt neben dir und du versuchst zu verstehen, was gerade passiert ist, du bist nicht glücklich oder traurig, du fühlst dich nur allein und wünschst dir, Morrissey wäre bei dir, auch wenn du dir besser wünschen solltest, du hättest ein ganz normales Leben, vielleicht sogar ohne Morrissey.
Linna wartet, bis Lukas gleichmäßig atmet und sich mit dem Gesicht zur Wand dreht, seine Schultern sehen schmal aus, sie berührt kurz sein Haar, ein bisschen struppig, aber es fühlt sich gut an. Sie kennt die Gedanken, die sie in den kommenden Nächten begleiten werden, die Vorstellung, wie er in diesem Moment aufwacht und sie ansieht und merkt, dass sie gehen will, sie in die Arme nimmt und sie nie wieder loslässt, das Traumpaar, Lukas und Linna, wie sie sich in seinen Armen einrollt und sich wünscht, in ihm verschwinden zu können. Doch er schmatzt nur leise im Schlaf, sie schlüpft unter der Bettdecke hervor, es ist kalt im Zimmer, sie zieht ihr Kleid über den Kopf. Die Strumpfhose kann sie nicht finden, egal, schnell in die Schuhe und raus aus dem Zimmer, die Tür lässt sie angelehnt. Im Hausflur kann sie wieder Luft holen, hält auf jedem Treppenabsatz kurz inne, vielleicht folgt er ihr, bittet sie zu bleiben, ihr Herzschlag dröhnt in ihren Ohren. Auf der Straße kommt ihr ein junger Mann mit Brötchentüte unter dem Arm entgegen, grinst sie wissend an, sie kann sich vorstellen, wie sie gerade aussieht, möchte es nicht sehen. An der nächsten Kreuzung sucht sie nach Orientierung, sieht sich noch ein letztes Mal um, die Straße ist leer. Es ist nicht weit nach Hause, Katrin wird noch schlafen, hoffentlich, sie fühlt sich nicht dazu in der Lage, sich mit irgendjemandem zu unterhalten. Wird Lukas froh sein, wenn er nachher allein aufwacht? Vielleicht tut sie ihm unrecht, wahrscheinlich nicht. Er wird aufwachen und wie selbstverständlich Frühstück machen, die Nacht nach ein paar Tagen vergessen haben. Katrin wird sie ein paar Wochen lang mit der Geschichte aufziehen, Marco wird so tun, als sei nichts geschehen, Linna wird an Lukas denken und traurig werden und Morrissey-Zitate in ihr Tagebuch schreiben. No hope, no harm, just another false alarm.
Morrissey hat mir falsche Vorstellungen von Liebe vermittelt.
Soundtrack:
Morrissey – Suedehead
Oasis – Champagne Supernova
The Smiths – There Is a Light That Never Goes Out
The Stone Roses – Made of Stone
Pulp – Underwear
Morrissey – I Have Forgiven Jesus
The Smiths – Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen